Eine Krise bezeichnet eine schwierige, gefährliche Situation, die einen Wendepunkt in einer Entwicklung darstellt. Angesichts der letzten Auftritte des BVB ist nach dem 2:1-Erfolg im aserbaidschanischen Baku gegen Sabah FK zu konstatieren, dass Borussia spielerisch den Negativtrend durchbrochen hat.
Vorerst. Denn die Substanz, die sich hinter den zahlreich herausgespielten Chancen im weiten Rund des Olympiastadions verbirgt, scheint auf dünnem Eis zu ruhen. Fortsetzung folgt am Samstag gegen Eintracht Frankfurt, die in der Führungsetage nach dem Aus von Sportvorstand Krösche auch nicht frei ist von einer kritischen Situation.
Im Gegensatz dazu zeigt sich die Fanbase von Borussia alles andere als anfällig. Für den Begriff Krise gibt es im deutschen Sprachgebrauch keinen Gegensatz. Vielleicht sollte als Vorschlag „Ultras“ im Duden aufgenommen werden. Was die schwarzgelben Anhänger in der letzten Woche mit 12.000 Reisekilometern in den Knochen in Bodö am Polarkreis, in Berlin in der Försterei sowie in Baku am Kaspischen Meer abgerissen haben, ist auch angesichts von drei auswärts auf die Beine gestellten Choreos in den Blöcken mit dem Begriff Respekt nur unzureichend ausgedrückt.
Das Staunen über so viel Bereitschaft, den eigenen Verein in der Fremde zu unterstützen, darf auch eine mittelgroße Gruppe Frei Schwimmer auf sich beziehen. Direkt nach dem Spiel in Berlin am Samstag hieß es einen Tag später, die Taschen zu schultern und sich aufzumachen Richtung Osten. Direkt aus Frankfurt. Oder per Bande über Istanbul.
Vor Ort präsentierten Land und Leute sich von ihrer besten Seite. Die 2,3 Millionen Einwohner fassende Hauptstadt ist die größte am Kaspischen Meer, inmitten eines riesigen Erdölvorkommens gelegen. Aufgrund der geographischen Lage, verbunden durch Handelswege, die seit tausenden Jahren existieren, füllt Baku als Thema dicke Geschichtsschmöker. Ausdruck der Kultur und der Historie sowie der Widerspiegelung dessen in architektonischen Meisterwerken veranlasste die UNESCO, die Altstadt als Weltkulturerbe unter Schutz zu nehmen.
Baku beeindruckt. Trotz des ewigen Windes, der von Meerseite durch die Metropole wabert, angereichert durch von den Erdölfeldern gespeisten Gerüchen, fasziniert besonders der Gegensatz von Modernität und Vergangenheit. Die Tezepir-Moschee, der Baku Bulvar oder der Palast der Schirwanschahs stehen den Flame Towers gegenüber. Das Schlendern durch die Gassen genossen die Frei Schwimmer, auch angesichts der Möglichkeiten, sich für ein kleines Budget mit Speisen und Getränken versorgen zu können.
So positiv wie die äußeren Umstände sich in Baku darstellen, so negativ schlägt das politische System zu Buche. Als Präsident auf Lebenszeit hat IIham Aliyev als Nachfolger seines Vaters den Laden fest im Griff. Opposition in Aserbadschan? Nicht vorhanden. Gewaltenteilung und Unabhängigkeit der Justiz? Fehlanzeige.
Der Herrscher bestimmt das politische Geschehen, lässt Andersdenkende und unliebsame Minderheiten unterdrücken, bricht Kriege wie in Bergkarabach samt Verfolgung der Armenier vom Zaun, setzt(e) außenpolitisch auf ein Schmiergeldsystem und lässt Familie und Freunde vom System finanziell massiv profitieren. Als Belohnung heimst der große Diktator Titel ein wie den von der Organized Crime and Curruption Reporting Projekt „korruptesten Mann des Jahres 2012“ – mit Abo-Option für die Folgejahre.
Während Borussia die Negativspirale an spielerischer Armut in den letzten Wochen in Baku durchbrach, würde man Tribun Aliyev eine ordentliche politische Krise gerne an den Hals wünschen. Um die Ausplünderung des Landes zugunsten seiner Familie sowie der unterwürfigen Oligarchen zu stoppen, Demokratie Einzug halten zu lassen und den Aserbaidschanern das Recht zuzustehen, so leben zu wollen wie sie wollen.