Kinder-Ich killt xGoal-Werte

Frei Schwimmer-Gruppe sieht entwicklungsunfähigen BVB in Trotzphase

3. Mai 2026

In der Pädagogik wird die Theorie transformatorischer Bildungsprozesse diskutiert. Die dahinter stehende Idee besagt, dass Bildung als eine Transformation der Art und Weise, in der Menschen sich zur Welt, zu anderen und zu sich selber verhalten, verstanden wird. Demnach findet eine solche Transformationen immer dann statt, wenn Menschen mit Erfahrungen konfrontiert werden, für deren Bearbeitung die etablierten Formen ihres Welt- und Selbstverhältnisses nicht ausreichen. Sie entwickeln sich weiter, modifizieren die Sicht auf die Dinge, reflektieren und – lernen. Passiert dieser Prozess nicht, droht psychologisch und pädagogisch betrachtet ein Rückfall ins so genannte Kinder-Ich. Dieser Zustand ist regressiv – Verhalten und Fühlen erinnern an die Entwicklungsphase eines Vier- oder Fünfjährigen.

Fußballern des BVB scheint dieser Transformationsprozess fremd zu sein. Fast schon die gesamte Saison krankt das System auf dem Feld an spielerischer Armut, taktischen Varianten, Anpassungen sowie einer merkwürdigen Spielerwechsel-Politik. Wer und wann als Schwarzgelber aus dem Match genommen wird, um neue Impulse in den müden Kick zu bringen, entzieht sich immer öfters der Nachvollziehbarkeit. Bestes Beispiel das Aufeinandertreffen mit der falschen Borussia in Gladbach. Warum geht nach 75 Minuten Jobe Bellingham raus und Salih Özcan rein? Auf die Sinnhaftigkeit der Entscheidung sollten dem Kovacs-Trainerpaar Exklusivrechte eingeräumt werden.

Die 90 Minuten in Gladbach waren auf der Tribüne nur schwer zu ertragen. So harmlos, so kraftlos, so inspiriert trabten die Borussen aus Dortmund über das Feld – mit statistisch kaum noch zu messenden xGoal-Werten für potenzielle Torchancen. Wie schon so oft in der Saison. Transformationsprozesse sowie Lerneffekte sind weit und breit nicht zu erkennen. Inzwischen fehlt die Fantasie, wie die zwingend notwendige, spielerische Entwicklung in der neuen Spielzeit von Nico und Robert Kovac initiiert werden soll. Ok, neue Spieler werden kommen. Aber was helfen Ferraris in der Garage, wenn der Fahrlehrer nicht zeigt, wie das Fahrzeug zu beherrschen ist. Dann endet die erste Ausfahrt auf der ersten Allee am ersten Baum.

Statt eines Ferraris nahm eine mittelgroße Gruppe Frei Schwimmer den Regionalexpress, den Sonderzug oder den Bus der Fanabteilung, um Richtung Niederrhein zu kommen. Die 0:1-Niederlage erlebten die Fanclub-Freunde jedoch angesichts der jüngsten Vergangenheit mit einem gewissen Fatalismus. Eigentlich hatte keiner etwas Besseres erwartet. Das Vertrauen in die Truppe tendiert Richtung Null. So stolpert der BVB über die Ziellinie der Saison, eventuell sogar auf Rang 2. Wahnsinn – und zugleich kein gutes Zeugnis für die Bundesliga.

Schlechte Noten verdiente sich auch wieder einmal Gladbach für die Wahl des Stadionstandorts vor 20 Jahren. Der Park wurde auf die Wiese gesetzt ohne Infrastruktur. Mit Staus vor dem Spiel, ellenlangen Pendelbusverkehren vom und zum Bahnhof Rheydt, langen Wartezeiten nach dem Schlusspfiff auf den Parkplätzen. Die Städte- und Verkehrsplaner der Stadt scheinen ebenfalls in der Entwicklungsphase des Kinder-Ich zurückgefallen zu sein. Verbunden mit einer veritablen Trotzphase, sich neuen Erkenntnissen und neuen Ansätzen zur Problembeseitigung seit inzwischen zwei Jahrzehnten konsequent zu verweigern.